Reallabor INTERPART – Interkulturelle Räume  der Partizipation

5FRAGENAN

VON PAULA KLÖCKER erstellt am 20.07.2022

 

Das vom BMBF geförderte Reallabor INTERPART untersuchte zwischen 2018-2021 in Berlin und Wiesbaden Beteiligungsformate, die eine interkulturelle Stadtentwicklung fördern sollten. Insbesondere unterrepräsentierte Gruppen sollten die Chance bekommen, Stadtplanung aktiv mitgestalten zu können. Im Verbundprojekt INTERPART arbeiteten die TU Dortmund, die UdK Berlin, die Landeshauptstadt Wiesbaden, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, UP 19 Stadtforschung + Beratung GmbH und Zebralog, Agentur für crossmediale Bürgerbeteiligung, zusammen. Wie die Projekt-Koordinatorinnen mit der unerwarteten Pandemie umgingen, erfahren wir in diesem Beitrag.    

In unserem #5Fragen an Format beantworteten uns Dr. Sandra Huning und Dr. Katrin Gliemann der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund und Projekt-Koordinatorinnen am 19.07.2022 unsere Fragen zur Arbeit während und mit Corona.

 

INTERPART Logo
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1. Inwiefern hat die Pandemie Euer Projekt betroffen? Welche Auswirkungen hatte sie?

 

Die Pandemie begann im Frühjahr des Jahres, in dem wir nach einigen Experimentierphasen unsere Feldforschung vor Ort in öffentlichen Räumen ausbauen wollten. Zuerst musste ein gemeinsamer Workshop der beteiligten Verwaltungen abgesagt werden. Er konnte erst sechs Monate später unter suboptimalen Bedingungen nachgeholt werden, weil beide Verwaltungen unterschiedliche Videokonferenzsysteme nutzen durften und auch der technische Ausstattungsstandard unterschiedlich war. Sämtliche Vor-Ort-Aktivitäten mussten abgesagt und in den virtuellen Raum verlegt werden. Das war für alle Beteiligten eine Kraftanstrengung. Teilweise mussten Aktivitäten „doppelt“ geplant werden, zunächst analog, dann anhand weiterhin hoher Inzidenzen doch digital. Vor allem die Bevölkerung vor Ort konnte kaum noch erreicht werden. Der hohe pandemiebedingte Mehraufwand machte eine Projektverlängerung nötig. Sie erfolgte kostenneutral, da ursprünglich eingeplante Reisekosten nicht verausgabt worden waren.

 

 

 

 „Das war für alle Beteiligten eine Kraftanstrengung.
Teilweise mussten Aktivitäten ‚doppelt‘ geplant werden, zunächst analog, dann
anhand weiterhin hoher Inzidenzen doch digital“

 

 

2. Welche Methoden/Formate wurden während der Pandemie neu ausprobiert?

 

Es gab eine Vielzahl von Online-Formaten, die wir erprobt haben. Statt Präsenz-Erzählformaten produzierten wir einen digitalen Podcast. Einige Teilnehmer*innen bevorzugten eine Aufnahme des Podcasts in Ko-Präsenz, aber einige Gespräche fanden auch komplett im virtuellen Raum mit Hilfe eines Videokonferenzsystems statt.

 

Workshops zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft – sogenannte Fachdialoge – fanden ebenfalls online statt. Die Testings für das Online-Tool wurden ebenfalls ins Digitale verlegt. Unser Validierungsworkshop gegen Ende des Projekts fand mehrwöchig über ein Online-Portal, zugänglich über die Projekt-Webseite, statt. Wir stellten unsere Ergebnisse als Kurz-Texte, Impuls-Filme oder Präsentationen ins Netz und baten um Kommentare. Zwar war das Feedback positiv, doch es beteiligten sich nur wenige Ko-Forscher*innen. Auch unsere Abschlusswoche, in der wir unsere Ergebnisse präsentierten, fand online statt. Wir boten pro Tag einen zweistündigen Einblick in einen jeweils anderen Aspekt unserer Forschung und unserer Ergebnisse. Die Projektkommunikation erfolgte nach Pandemiebeginn fast komplett digital über Zoom-Meetings. Zuvor hatten wir uns zweimal jährlich in Präsenz mit dem gesamten Team getroffen, zusätzlich hatte es einmal monatlich Telefonkonferenzen des Gesamtteams gegeben.

 

 

3. Wie war die Beteiligung während der Pandemie im Vergleich zu davor?

 

Insgesamt haben wir Ko-Forscher*innen verloren – aus der Verwaltung aufgrund von technischen Problemen und Zeitmangel, weil die Mitarbeiter*innen häufig im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung eingesetzt wurden und/oder durch paralleles Home-Office und Home-Schooling keine Kapazitäten mehr hatten, und aus der Zivilgesellschaft, weil die Menschen häufig technisch nicht in der Lage waren, ihre Kommunikation kurzfristig ins Virtuelle zu verlagern (während wir z. B. an den Unis viel Support hatten bei der Umstellung, galt dies für Privatleute ja nicht). Bei der Ko-Forschung ist es erwünscht, dass die Teilnehmenden über längere Zeiträume „bei der Stange bleiben“, wofür ein gewisses Maß an persönlichen Kontakten und Vertrautheit hilfreich ist. Dies ist bei ausschließlichen Online-Kontakten schwierig herzustellen, vor allem wenn es keinen analogen Erstkontakt gab.

Die Kontakte, die erhalten blieben, wurden möglicherweise etwas intensiver.

 

 

 

4. Hat sich die Gruppe der Beteiligten verändert?

 

Von der Zusammensetzung her auf jeden Fall. Gerade Menschen mit Geld und Ressourcen konnten sich schnell auf die neue Situation einstellen. Ärmere Menschen, z. T. ohne Internetanschluss (so z. B. in einem Hostel für Geflüchtete, wo die Kinder mit ihren Prepaid-Telefonen am Home Schooling teilnehmen mussten), konnten nur indirekt – über Schlüsselpersonen und persönliche Kontakte – erreicht werden. Damit wurde ein Teil der bisher ohnehin schon schwer erreichbaren Personengruppen noch stärker abgehängt.

 

 

„Gerade Menschen mit Geld und Ressourcen konnten sich schnell auf die neue Situation einstellen. (…)
Damit wurde ein Teil der bisher ohnehin schon schwer erreichbaren Personengruppen noch stärker abgehängt“

 

 

 

5. Habt Ihr aus den Erfahrungen etwas gelernt? Entsteht daraus eine "neue Normalität" der Beteiligung? 

 

Ko-Forschung und Beteiligung werden in zukünftigen Projekten sehr viel selbstverständlicher hybrid – d. h. im Zusammenspiel analog/digital – stattfinden. Dabei geht es nicht darum, das eine durch das andere zu ersetzen. Vielmehr hat beides Stärken, die in einer gelungenen Kombination sicherlich zu einer besseren Beteiligung beitragen werden. Eine komplette Reduktion auf digitale Beteiligung ist nach unseren Erfahrungen nur sehr begrenzt, für bestimmte Formate wie z.B. Umfragen sinnvoll.

 

 

„Eine komplette Reduktion auf digitale Beteiligung ist nach unseren Erfahrungen nur
sehr begrenzt, für bestimmte Formate wie z.B. Umfragen sinnvoll.“

 

 

 

Link zum Projekt: https://www.interpart.org/index.html

 

Link zur Abschlusspublikation: https://www.jovis.de/de/e-books/beteiligung-interkulturell-gestalten.html

 

 

 

 

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