PPGIS als geeignete Methode für zukünftige Reallaborforschung?

WISSEN

VON PAULA KLÖCKER erstellt am 19.04.2022

Die Stadtplanung steht angesichts aktueller Entwicklungen vor großen Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund werden neue Formate der Bürger*innenbeteiligung gesucht und ausprobiert. Ein immer bekannter werdendes Instrument ist dabei das kartenbasierte Umfragetool „Public Participatory GIS“. Wie kann mithilfe einer PPGIS Umfrage die Reallaborforschung unterstützt und Möglichkeiten der Partizipation von Zivilgesellschaft vertieft werden?

Und wie hat sich diese Methode im Zuge der Pandemie bewährt? Dieser Blogbeitrag durchforstet die aktuelle Forschungslandschaft und sucht nach Antworten.

PPGIS Umfrage in Karlsruhe August 2021
PPGIS Umfrage in Karlsruhe August 2021

Städte verändern sich schnell. Sie werden diverser, größer, schnelllebiger und auch im Verhalten der Menschen können Veränderungen angesichts der Coronapandemie und den Auswirkungen des Klimawandels beobachtet werden. Aus diesem Grund werden Forderungen für eine stärkere Kooperation zwischen Wissenschaft und Politik unter Einbindung der Bürgerschaft laut (Komossa et al. 2021).

 

In diesem Blogeintrag soll es zum einen um die Stärken und Schwächen der PPGIS Forschungsmethode generell gehen, und untersucht werden, inwiefern in den letzten zwei Jahren während der Pandemie auf die Methode zurückgegriffen wurde, welche Ergebnisse dadurch erzielt wurden und welche Rolle sie auch in der Reallaborforschung spielen könnte. Sie bietet sich nämlich auf den ersten Blick als eine hervorragende Online-Methode an, die räumliche Informationen mit Informationen der Menschen vor Ort ergänzt, ohne physisch vor Ort sein zu müssen.

 

 

PPGIS- was soll das sein, wozu dient es und welche Vorteile bringt das participatory mapping?

Die Public Participatory GIS Umfrage ist eine kartenbasierte Online-Umfrage, die das Wissen und die Wahrnehmungen der Befragten mit räumlichen Daten kombiniert und in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Somit können bspw. ortsbezogene Interessenkonflikte identifiziert, Gegenden und Wege nach ihrer Bedeutung und Frequenz untersucht, oder bereits erstellte Pläne bewertet werden. Ziel der Methode ist vermehrte Partizipation in der Stadtplanung. Inzwischen findet die Methode vielfach Verwendung in der Stadt- und Regionalplanung, aber auch in der Wissenschaft (Brown et al. 2022; Fagerholm et al. 2021b). Da die Studien sich häufig auf bestimmte Gegenden oder Quartiers fokussieren, ist dieses Online-Tool auch in Bezug auf Reallabore interessant. Es wird also Zeit, participatory mapping etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

„Bei der PPGIS Methode werden subjektive Wahrnehmungen der Befragten mit räumlichen Daten kombiniert“

 

Vorteile der PPGIS Methode sind vor allem die aktive Unterstützung bei der Bewertung, Kartierung und Entscheidung von bestimmten Vorhaben in der Raumplanung. Und auch darüber hinaus hilft der partizipative Ansatz über räumliche Skalen hinweg Wahrnehmung, Meinungen und Wissen der Menschen zu analysieren (Escobedo et al. 2020). Zudem stärkt die PPGIS Methode das räumliche und soziale Wohlbefinden und ermöglicht eine größere Akzeptanz vor Vorhaben der Raumplanung (García-Díez et al. 2020).

 

„Mithilfe der Methode kann Akzeptanz vor Projekten der Raumplanung geschaffen werden“

 

PPGIS als Online-Methode in Zeiten der Pandemie

In einer Studie, die während des ersten Pandemie Frühlings 2020 (Mai-Juni 2020) in Turku, Finnland durchgeführt wurde ging es vor allem um den Wert und die Nutzung von Grünflächen in Zeiten des „social-distancing“. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass sich der Aufenthalt der Menschen in Grünflächen in dieser Phase um 1-2 Tage erhöht hat (Fagerholm et al. 2021a). Ein Wert, der sich in anderen europäischen Städten bestimmt auch beobachten lässt. Viel interessanter für uns ist aber an dieser Stelle nicht das Ergebnis der Nutzung von Grünflächen, sondern wie viele Menschen mit der Umfrage in Zeiten der Pandemie erreicht wurden. Dazu gibt die Studie an, dass vor allem junge Menschen im erwerbsfähigen Alter und mit hohem Bildungsstand (65% der Befragten) an der Umfrage teilnahmen. Unterrepräsentiert waren insbesondere Ein-Personen-Haushalte, Rentner*innen und Arbeitslose. Die Autor*innen weisen aber auch darauf hin, dass es sich bei den Zahlen nicht nur um die Reichweite des Umfragetools handelt, sondern auch um die Thematik: Nutzung von Grünflächen während der Pandemie (Fagerholm et al. 2021a).

Dennoch: Ähnliche Erfahrung machte eine Studie von Hilbers et al. (2022), bei der über 65% der Befragten einen hohen Bildungsschabschluss hielten (Hilbers et al. 2022).

 

Und die Nachteile der PPGIS Methode?

Leider finden sich in der aktuellen Forschungslandschaften nur sehr wenige Studien über die Verwendung der PPGIS unter Pandemiebedingungen, aber viele Artikel der letzten Jahre zeigen die Schwachstellen dieser Methode auf und geben neue Ideen für die Verbesserung der Methode mit auf den Weg. Einige davon werde ich im Folgenden erläutern.

 

„Sich auf einer Karte zu orientieren fällt einigen Teilnehmenden nicht einfach, sodass die Methode nicht zu 100% inklusiv ist“

  

Zusammengefasst: Ob die PPGIS-Methode während der Pandemie vermehrt zum Einsatz kam, können wir aktuell leider noch nicht sagen. Wir sehen aber, dass es eine beliebte Methode der Stadtplanung geworden ist und in den letzten 10 Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Dennoch weist die Forschungsmethode Schwachstellen auf. Sie zielt vor allem auf die Beteiligung von jungen Menschen mit hohem Bildungsstand und kann durch ihre recht komplexe Art und der Tatsache, dass sie nur online durchführbar ist, nicht die breite Masse erreichen.

 

Wie kann die PPGIS-Methode jetzt aber nützlich für die Forschung in Reallaboren sein?

Die PPGIS Methode kann ein hilfreiches Instrument für die Stadtplanung und Wissenschaft sein, muss aber auch die Menschen erreichen, die im gleichen Maße von neuen Plänen und Maßnahmen betroffen sind und nicht durch eine kartenbasierte Online-Umfrage erreicht werden (Fagerholm et al. 2021a). Gerade in Zeiten der Pandemie machten viele Reallabore die Erfahrungen bestimmte Gruppen nicht mehr zu erreichen, da nicht alle Menschen den gleichen Zugang zu digitalen Formaten haben. Dieses Problem scheint universal im Kontext der digitalen Methoden zu sein.

 

„Umfragedesign muss verständlich und ansprechend sein, um viele Menschen zu erreichen“

 

Für Brown und Kyttä (2014) ist die Qualität der PPGIS-Ergebnisse maßgeblich mit dem Umfragedesign und der Teilnahme der Befragten verbunden (Brown und Kyttä 2014). Das Design, der Umfang, die Komplexität beeinflussen die Erreichbarkeit des Fragebogens. Zukünftige Forschungen, die sich dieser Methode bedienen, müssen sich stärker für die unterrepräsentierten Gruppen einsetzen, die sich vor allem (gerade bei PPGIS) über den Bildungsstand charakterisieren lassen (Brown et al. 2018). Genau an diese Schwachstelle der Methode können Reallabore anknüpfen. Gerade der lokale Bezug bei Reallaboren kann helfen die PPGIS Methode in bestimmten Kontexten zu integrieren, durch online und offline Workshops in die gewöhnungsbedürftige Umfrageart einführen und somit die unterrepräsentierten Gruppen vermehrt ansprechen.

Literaturverzeichnis

Brown, Greg; Kyttä, Marketta (2014): Key issues and research priorities for public participation GIS (PPGIS): A synthesis based on empirical research. In: Applied Geography 46, S. 122–136. DOI: 10.1016/j.apgeog.2013.11.004.

 

Brown, Greg; Kyttä, Marketta; Reed, Pat (2022): Using community surveys with participatory mapping to monitor comprehensive plan implementation. In: Landscape and Urban Planning 218, S. 104306. DOI: 10.1016/j.landurbplan.2021.104306.

 

Escobedo, Francisco J.; Bottin, Marius; Cala, Daniela; Sandoval Montoya, Diego L. (2020): Spatial literacy influences stakeholder’s recognition and mapping of peri-urban and urban ecosystem services. In: Urban Ecosyst 23 (5), S. 1039–1049. DOI: 10.1007/s11252-020-00962-y.

 

Fagerholm, Nora; Eilola, Salla; Arki, Vesa (2021a): Outdoor recreation and nature's contribution to well-being in a pandemic situation - Case Turku, Finland. In: Urban forestry & urban greening 64, S. 127257. DOI: 10.1016/j.ufug.2021.127257.

 

Fagerholm, Nora; Raymond, Christopher M.; Olafsson, Anton Stahl; Brown, Gregory; Rinne, Tiina; Hasanzadeh, Kamyar et al. (2021b): A methodological framework for analysis of participatory mapping data in research, planning, and management. In: International Journal of Geographical Information Science 35 (9), S. 1848–1875. DOI: 10.1080/13658816.2020.1869747.

García-Díez, Víctor; García-Llorente, Marina; González, José A. (2020): Participatory Mapping of Cultural Ecosystem Services in Madrid: Insights for Landscape Planning. In: Land 9 (8), S. 244. DOI: 10.3390/land9080244.

 

Hasanzadeh, Kamyar; Kajosaari, Anna; Häggman, Dan; Kyttä, Marketta (2020): A context sensitive approach to anonymizing public participation GIS data: From development to the assessment of anonymization effects on data quality. In: Computers, Environment and Urban Systems 83, S. 101513. DOI: 10.1016/j.compenvurbsys.2020.101513.

Hilbers, Anne Marel; Sijtsma, Frans J.; Busscher, Tim; Arts, Jos (2022): Identifying Citizens' Place Values for Integrated Planning of Road Infrastructure Projects. In: Tijd voor Econ & Soc Geog 113 (1), S. 35–56. DOI: 10.1111/tesg.12487.

 

Komossa, Franziska; Wartmann, Flurina M.; Verburg, Peter H. (2021): Expanding the toolbox: Assessing methods for local outdoor recreation planning. In: Landscape and Urban Planning 212, S. 104105. DOI: 10.1016/j.landurbplan.2021.104105.

 

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