Wiedererkennungswert schaffen, Neugier wecken, Partizipation fördern

- Eine Reallabormarke kreieren

Hintergrund: Das dreijährige Reallaborprojekt MobiQ „Nachhaltige Mobilität durch Sharing im Quartier“ wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert. An drei Standorten forscht das Projektkonsortium, bestehend aus Wissenschaftler*innen der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Geislingen, der Hochschule für Technik Stuttgart und dem Öko-Institut e.V., zum Thema nachbarschaftlich organisierter Mobilität und arbeitet mit Bürger*innen an neuen Mobilitätslösungen. Im Mittelpunkt stehen drei Standorte: Geislingen an der Steige, Stuttgart-Rot und Waldburg. Diese unterscheiden sich stark hinsichtlich ihrer verkehrlichen, raum- und infrastrukturellen, sozialen und ökonomischen Ausgangssituationen. Keiner der drei Reallaborstandorte wies vor Projektstart bemerkenswerte Auseinandersetzungen mit nachhaltiger Mobilität auf. Die Aktivierung von lokalen sozialen Netzwerken und Akteur*innen zum Thema war daher zentral.

In diesem Blogbeitrag reflektieren wir die Phase der Präsenzentwicklung und den Weg zur Eröffnung der Experimentierräume in resonanzarmen Räumen, wenn keine Möglichkeit zur Eröffnung eines Quartiersbüros vor Ort besteht.

„Eine komatöse Zivilgesellschaft“

Gerade dort, wo das öffentliche Leben stattfinden sollte, nämlich in den Innenstädten, nehmen Autos viel öffentliche Fläche ein. Menschen leiden unter schlechter Luftqualität und mangelnder Verkehrssicherheit (Aichinger und Frehn 2017). Verkehr im Sinne eines „Vorankommens“ ist oft auch nicht möglich. Und, wer möchte sich schon in einem öffentlichen Raum treffen, in dem der motorisierte Individualverkehr dominiert? Wir vom Reallaborprojekt MobiQ wollen mit einem partizipativen Ansatz herausfinden, wie Mobilität gemeinschaftlich nachhaltiger gestaltet werden kann, mit dem Ziel, die Lebensqualität in Quartieren zu steigern. Dafür arbeiten wir an drei Standorten, die verschiedener nicht sein könnten. Die Großwohnsiedlung Stuttgart-Rot liegt am Rande der Landeshauptstadt, Geislingen an der Steige ist ein Mittelzentrum am Rande der Schwäbischen Alb und Waldburg, eine idyllische kleine Gemeinde im Landkreis Ravensburg.

MobiQ startete im Jahr 2021 in eine besonders schwierige Phase der Pandemie hinein. Fallzahlenabhängige Lockdowns und Veranstaltungsbeschränkungen waren die bestimmenden Faktoren im Leben der Bevölkerung. Zwar waren Treffen unter Auflagen wieder möglich, allerdings immer unter Beachtung strenger Hygienemaßnahmen. Festgestellt wurden außerdem tiefe Gräben in den lokalen Gemeinschaften, die die kontaktlose Zeit der COVID-19-Pandemie hinterlassen hat. Mit Blick auf die Situation in Geislingen wurde die Zivilgesellschaft von einer am Projekt beteiligten Person treffend als „komatös“ beschrieben, da sich viele Vereine und bekannte zivilgesellschaftliche Gruppen schlicht nicht mehr trafen. In der Zusammenarbeit mit den Multiplikator*innen vor Ort herrschte oftmals Ratlosigkeit, wie wir es dennoch schaffen, eine kritische Masse zusammenzubringen, die sich für das Projekt begeistert.

Die Situation im Frühjahr 2021 darüber hinaus von unterschiedlichen Erwartungshaltungen geprägt. Während in Waldburg seitens der Zivilgesellschaft nach einem Beitrag im Gemeindeblatt große Neugier herrschte, war in der Geislinger Zeitung nichts vom Start des Reallaborprojektes zu lesen. In Stuttgart-Rot hingegen gab es kein entsprechendes Quartiersblatt, über das Projektinformationen hätten analog verbreitet werden können. Während des ersten Jahres mussten wir in den drei Laboren unter diesen erschwerten Bedingungen also Wege finden, das Thema bekannt zu machen und gleichzeitig Menschen zur Mitarbeit zu motivieren.

Mobi steht für Mobilität, das Q für Quartier. Es wurde darauf geachtet, das Reallaborprojekt im Auftritt von den drei betreuenden Institutionen unabhängig zu machen. Ziel dahinter war und ist es, MobiQ als Akteur im öffentlichen Raum zu verankern und als Plattform für zivilgesellschaftliches Engagement in Mobilitätsfragen zu präsentieren.

Unter anderem wurden dabei folgende Leitfragen bearbeitet:

1. Wie kann die Aktivierung der Bevölkerung an Orten gelingen, an denen bisher wenig Interesse an einer nachhaltigeren Mobilität vorhanden ist?

2. Welche Kommunikationsmaßnahmen sind besonders wirksam, um Menschen für die transdisziplinäre Gestaltung und Entwicklung nachhaltiger Mobilität zu aktivieren?

Um das herauszufinden, mussten bestehende soziale Netzwerke innerhalb der Quartiere identifiziert, stabilisiert und ggf. neu aufgebaut werden. Der methodische Ansatz der gemeinsamen Entwicklung und Umsetzung zielt dabei auf eine nachhaltige Veränderung der Mobilitätspraxis aller Beteiligten ab. Hierdurch soll ein Transformationsprozess angestoßen werden, der Bürger*innen und lokale Akteur*innen aus unterschiedlichen sozialen Milieus für innovative Mobilitätsformen und alternative Nutzungen des öffentlichen Raums sensibilisiert. Gleichstellung, Diversität und Inklusion spielen eine wichtige Rolle bei der Erleichterung des Zugangs zu Mobilität für alle Menschen im Quartier. Aus diesem Grund werden unterschiedliche Akteur*innen von Beginn an in die Entwicklung des Forschungsprozesses einbezogen und deren spezifische Anforderungen an Mobilität betrachtet.

„Wie wollen wir präsent sein und wo?“

Die erste Herausforderung bestand dabei bereits darin, mit Menschen zum Thema Mobilität ins Gespräch zu kommen. Eine persönliche Präsenz vor Ort war gefragt. Hierfür eröffnen Reallaborprojekte oftmals ein Quartiersbüro, das als konstante Anlaufstelle für Interessierte dient. In unserem Fall war dies jedoch keine Option, da sich das Projekt MobiQ mit dem Thema Mobilität auseinandersetzt und an drei verschiedenen Standorten gleichzeitig arbeitet.

„Ein mobiles Quartiersbüro?“

Um agil an den verschiedenen Standorten auftreten zu können, haben wir einen mobilen „Pop-Up-Stand“ entwickelt und bespielt. Dieser Stand besteht aus einem Pavillon, einer Beachflag und Kartonmöbeln, die als Tisch, Theke oder Sitzgelegenheiten arrangiert werden können. Er kommt während der gesamten Projektlaufzeit regelmäßig zum Einsatz und bietet auch den beteiligten Gruppen die Möglichkeit für ihr Mobilitätsprojekt zu werben.

Die Auftrittsorte werden je nach der Frequenz von Passant*innen gewählt. Dies waren im Frühjahr 2021 Orte, an denen Versorgung stattfand. Somit lag es nahe, in Rot und Geislingen den MobiQ-Stand in der Fußgängerzone während der Wochenmarktzeiten aufzubauen.

Aber warum sollten die Menschen überhaupt mit uns sprechen? Die Alltagsmobilität ist meist sehr routiniert und existiert nicht als Problem in der Wahrnehmung der Menschen. Außerdem ist Mobilität ein sehr weiter Begriff, der in der Alltagssprache nichts Konkretes beschreibt. Es war also klar, dass präsent sein im Stadtraum alleine wohl nicht dazu führen würde, dass wir in Diskussionen über Mobilität im Quartier involviert werden.

„Die Mischung macht’s!“

Aus diesem Grund wurde versucht, möglichst viele analoge und digitale Kanäle aufzubauen, um die unterschiedlichsten Menschen zu erreichen. Als Weiterentwicklung des MobiQ-Markenzeichens wurde die Website Startseite — MobiQ (reallabor-mobiq.de) ins Leben gerufen. Die Homepage dient als erster Anlauf- sowie Kontaktpunkt. Sie informiert über die Ausgangslage, Ziele, Methoden und Neuigkeiten von MobiQ und stellt das Forschungsteam vor. Um das Q herum wurde eine eindeutige Bildsprache entwickelt, die Wiedererkennungswert hat. Außerdem ist die Seite variabel aufgebaut und kann jederzeit durch neue Bestandteile ergänzt werden. Zusätzlich dient die Homepage als „content hub“. Das bedeutet, dass alle projektbezogenen Veröffentlichungen hier zum Download zur Verfügung stehen. Es wurde somit ein „Arbeitsraum“ geschaffen, der die Offenheit des transdisziplinären Ansatzes gewährleistet, indem die Seiten der unterschiedlichen Mobilitätslösungen mit den beteiligten Gruppen im Quartier individuell und gemeinsam gestalten werden können.

Die digitale Kommunikationsstrategie wurde durch Social-Media-Kanäle ergänzt, um die Reichweite des Projektes zu erweitern und die Kontaktaufnahme so niederschwellig wie möglich zu gestalten. Auf Resonanz getestet wurden Facebook, Instagram und LinkedIn zu Beginn noch relativ unsystematisch mit individuellen Beiträgen bespielt. Aufgrund des hohen redaktionellen Aufwands sind wir allerdings sehr schnell dazu übergegangen, Posts nur noch für Instagram zu entwerfen und diese ebenfalls auf Facebook zu schalten. Dadurch konnte die Reichweite zwar auf Facebook nie substanziell gesteigert werden, der Instagram-Kanal hingegen ist jedoch durchaus erfolgreich. LinkedIn wird für Nachrichten verwendet, die sich an ein professionelles Publikum wenden.

Das Grafikkonzept von MobiQ wurde auch verwendet, um Flugblätter und Plakate zu gestalten, die zur Mitarbeit am Projekt einladen. Der Einsatz der Flugblätter und kleinerer Broschüren ist allerdings nur in der Funktion als Handreichung für sinnvoll zu erachten. Die Rückmeldung seitens der Haushalte auf eingeworfene Flugblätter und Auslagen in örtlichen Geschäften war sehr gering. Somit stehen Kosten und Nutzen der Verteilung von Flyern in großen Stückzahlen in keinem Verhältnis. Mehr Resonanz hat, wo vorhanden, die Kommunikation über die Lokalzeitung und die Bespielung der amtlichen Anzeigeblätter gebracht. In Geislingen entwickelte sich daraus eine Zusammenarbeit mit der Lokalzeitung mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit auf das Thema nachhaltige Mobilität zu lenken.

 „Der Ideenfänger“

Das Q ist das zentrale Wiedererkennungsmerkmal von MobiQ und dient als Brücke zwischen der digitalen und analogen Präsenz. Als Blick- und Ideenfänger wurde der Buchstabe für den Einsatz im öffentlichen Raum aus Holz konzipiert und gebaut. Dieses Q kommt regelmäßig im Rahmen des „Pop-Up-Stands“ und der partizipativen Reallaborexperimente zum Einsatz. Es dient als Einladung zum Gespräch und zum Festhalten des Diskurses. Die Funktion des Ideenfängers als niederschwellige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme hat sich bewährt. So können Menschen, die nicht unbedingt diskutieren möchten, trotzdem Antworten auf Fragen wie „Wie möchte ich mich nachhaltig durch das Quartier bewegen?“ geben.

Das Q ergänzt die Konzeption des Stands um ein spielerisches Element, das Neugier weckt. Es transportiert die Kernwerte der „Reallabormarke MobiQ“, indem es die lebensweltlichen Realitäten der unterschiedlichen Menschen vor Ort sammelt, um darauf aufbauend nachhaltige Mobilitätslösungen gemeinschaftlich zu entwickeln.

Mit diesem Maßnahmenbündel konnte im März 2022 der eigentliche Ko-Designprozess an allen drei Standorten trotz erschwerter Bedingungen erfolgreich gestartet werden. Die erste Runde der Bürger*innenwerkstätten verzeichnete insgesamt rund 80 motivierte Teilnehmende. Die Zahl der Projektpartner*innen, die die Projekte aktiv unterstützen und fördern nahm per Schneeballprinzip stetig zu. Mit den wachsenden Gruppen engagierter Bürger*innen und unterschiedlicher Institutionsvertreter*innen wurden seither vielfältige Projekte gestartet und eine Vielzahl von Aktionen gemeinsam initiiert. Die Fortschritte im Projekt MobiQ können auch weiterhin auf der Projekthomepage Startseite — MobiQ (reallabor-mobiq.de) verfolgt werden.

 

Literatur:

Aichinger, Wolfgang; Frehn, Michael (2017): Straßen und Plätze neu denken. Hg. v. Umweltbundesamt. Bonn.